Samstag, 16. März 2019

Über die Kunst und die wahre Bedeutung derselben


Mit dem nachfolgenden Essay habe ich an einem Essay-Wettbewerb des Landes Rheinland-Pfalz für das Fach Philosophie teilgenommen. Die betreuende Lehrkraft war meine Philosophie-Lehrerin, Frau Rilk. Von den zur Auswahl stehenden Themen habe ich mich für Thema IV entschieden. Gefordert war hierbei eine Stellungnahme zu einem Zitat von Johann Wolfgang von Goethe, welches folgendermaßen lautet: "Man weicht der Welt nicht sicherer aus als durch die Kunst, und man verknüpft sich nicht sicherer mit ihr als durch die Kunst". 




Über die Kunst und die wahre Bedeutung derselben

Die Kunst stand einst im Zentrum der menschlichen Existenz. Selbst die zu jeder Zeit hochgeschätzten Wissenschaften, allen voran die Mathematik, waren ihr untergeordnet. Der kreative Erschaffer eines Kunstwerks, sprich der Künstler selbst, wurde als allen übrigen Menschen erhabenes Wesen betrachtet und dementsprechend beinahe als eine Art Gottheit verehrt. Denkmäler berühmter Künstler sind groß, stark idealisiert und befinden sich stets auf einem Podest. Von Beethoven existiert gar eine Skulptur, in welcher er von Engeln getragen wird, was dessen Göttlichkeit zum Ausdruck bringt. Der Begriff der Kunst kann sehr weit ausgelegt werden, folglich ist eine allgemeingültige Definition schwierig ausfindig zu machen. Letztendlich stellt sie für jeden Menschen etwas anderes dar. Es handelt sich dabei um gezielte menschliche Tätigkeit, die auf Wissen, Übung, Intuition und Vorstellung gegründet und dabei nicht eindeutig durch Funktionen festgelegt ist. Aus diesem Grund ist Kunst Selbstzweck, also etwas, das bereits seinen vollen Wert in sich selbst hat und gar keines äußeren Handlungszweckes bedarf. Eine grobe Einteilung der Künste lässt sich folgendermaßen vornehmen:
1. Bildende Kunst mit den klassischen Gattungen der Malerei, Bildhauerei, Grafik und Architektur
2. Musik, also Kompositionen und Instrumentalmusik
3. Literatur, mit den Hauptgattungen Epik, Lyrik und Dramatik
4. Darstellende Kunst, also Film, Theater, Performances und Tanz
In der heutigen digitalisierten und hochtechnisierten Welt scheint die Kunst jedoch einiges an Ansehen eingebüßt zu haben. Dieser Eindruck täuscht allerdings. Nur ihr Gesicht hat sich verändert. Die Kunst ist anpassungsfähiger, vielfältiger und zugänglicher geworden. Da ihre mannigfaltigen Erscheinungsformen Einzug in unser alltägliches Dasein gefunden haben, ist es angebracht, sich genauer mit der eigentlichen Bedeutung der Kunst auseinanderzusetzen. Gedankliche Anregungen diesbezüglich haben große Dichter und Denker im Laufe der Jahrhunderte zuhauf geliefert. Beispielhaft zu nennen ist der bedeutenste Schöpfer deutschsprachiger Lyrik, Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) dessen berühmtes Zitat ("Man weicht der Welt nicht sicherer aus als durch die Kunst, und man verknüpft sich nicht sicherer mit ihr als durch die Kunst") diesem Essay zugrunde liegt. Im Verlauf dieser schriftlichen Ausarbeitung werden wir diese geistreiche Äußerung auf ihre Richtigkeit prüfen und uns zudem mit den Fragen der Entstehung und Nutzen der Kunst beschäftigen.

Die grundsätzliche Frage, auf die das gesamte Thema aufbaut, lautet:  Spiegelt Kunst die Wirklichkeit wider, beziehungsweise ist sie gar ein wesentlicher Bestandteil derselben? Meine subjektive These diesbezüglich bejaht diese Frage. Um meine Position zu erläutern und argumentativ zu stärken, bedarf es eines Blickes auf die Arbeits-und Entstehungsprozesse, welche logischerweise jedem Kunstwerk, in welcher Form es auch immer gestaltet sein mag, zugrunde liegen.
Zwar ist die Fähigkeit, Kunst zu erschaffen, jedem menschlichen Wesen von Natur aus bereits innewohnend, ausgelöst wird jedoch das Bedürfnis, ja mehr noch, das regelrechte Verlangen danach, sich auszudrücken, erst durch unsere Umwelteinflüsse. Folglich entsteht Kunst a posteriori. Was hätte Goethe dazu bewegt, seinen "Werther" zu verfassen, hätte er selber zu jener Zeit nicht an schier unerträglichem Liebeskummer gelitten und den Schmerz, den selbiger mit sich bringt, am eigenen Leib erfahren? Wie hätte van Gogh seine eindrucksvollen Landschaftsmalereien anfertigen können, hätte er selber nicht die Natur und die Menschen genaustens beobachtet und analysiert? Wie hätte die 9. Sinfonie jemals entstehen können, wenn der idealistische Beethoven nicht mit seiner Musik gesellschaftlichen Missständen entgegenzuwirken gedachte?
Kunst entsteht immer nur dann, wenn Erlebtes verarbeitet wird, wenn das menschliche Bedürfnis nach schöpferischer Tätigkeit durch äußere Einflüsse, seien sie für einen selbst gut oder schlecht, entfacht wird. Sie ist also eine Reaktion auf die Realität und dient dazu, selbige zu verarbeiten. Für den Künstler ist seine Arbeit stets eine Form der Selbstoffenbarung und eine Auseinandersetzung mit der menschlichen Natur und der eigenen Gefühlswelt, wie sie intensiver nicht sein könnte. Sie spiegelt die subjektive Wirklichkeit des Künstlers wider, seine Wünsche, Erfahrungen und Talente, jedoch auch die des Betrachters. Dieser setzt sich mit diesen Werken auseinander, um sich selbst dabei zu finden. In der Kunst sieht jeder das, was er sehen will, oder wozu er zu sehen gezwungen wird, bedingt durch die determinierenden Einflüsse, die selbstverständlich auch auf ihn wirken. Jemand, dem selbst eine unerfüllte Liebe zu schaffen macht, wird bei der Lektüre des Werthers andere Erfahrungen machen als jemand, der sich das Werk beispielsweise nur zu Gemüte führt, da es im Lehrprogramm seiner Schule vorgesehen ist.
Ein weiteres Beispiel zur Erklärung des Verhältnisses von Kunst und Wirklichkeit ist die Kunstform der Schauspielerei. Eine weit verbreitete Technik die Schauspielerei zu erlernen ist die auf die Lehren Konstantin Stanislawskis zurückzuführende Methode des sogenannten "Method Acting". Hierbei ruft sich der Schauspieler eigene Erlebnisse und Erfahrungen in Erinnerung, um seine Rolle intensiver verkörpern und sich besser in die zu porträtierende Rolle hineinzuversetzen. Somit stellt er einen unmittelbaren Bezug zu sich selber und seinem wirklichen Leben her. Starke Emotionen werden schließlich automatisch glaubhafter gespielt, wenn sie nicht im klassischen Sinne "gespielt", sondern durch persönliche Hintergründe hervorgerufen werden. Aus diesem Grund lässt sich Hollywoods absolute Elite mit berühmten Vertretern wie Robert de Niro, Sir Michael Caine oder Christian Bale dieser Methode der Schauspielkunst zuordnen. Somit stellt dies ebenfalls unter Beweis, dass dem künstlerischen Schaffungsprozess reale Gegebenheiten zugrunde liegen (offenbar zumeist auch mit großem Erfolg). Von der Wirklichkeit geht folglich alles aus und zu ihr führt letztendlich auch alles wieder zurück. Ein reales Ereignis bewegt den Künstler dazu, seinem kreativen Schaffen nachzugehen und liefert darüber hinaus auch alle essentiellen Voraussetzungen, die es dafür bedarf (die Kunst zu komponieren muss beispielsweise zunächst erlernt werden, ganz gleich wie ausgeprägt die natürlichen Veranlagungen dazu bereits vorhanden sind). Die Ergebnisse der künstlerischen Arbeit werden im Anschluss der Welt sichtbar und somit findet eine Rückkehr in die Wirklichkeit statt. Das Buch wird veröffentlicht, der Künstler erlangt unter Umständen Reichtum und Ruhm, das Buch führt zu einem gesellschaftlichen Umdenken (ähnlich wie die Werke Immanuel Kants, die das Zeitalter der Aufklärung einläuteten) und der Künstler hat etwas geschaffen, das seine eigene Existenz überdauert, Teil von etwas Größerem und somit losgelöst vom Leben des Urhebers ist. Folglich liegt wahrlich ein symbiontischer Kreislauf zwischen Kunst und Wirklichkeit vor.
Die Aufgabe der Kunst ist es, ein Abbild der Realität darzustellen, was bei ausnahmslos jedem Werk auch der Fall ist, egal ob vom Künstler beabsichtigt oder nicht. Schließlich läuft das sich Widersetzen der äußeren Einflüsse, die auf jeden von uns naturgemäß und gleichermaßen wirken und unseren Charakter maßgeblich prägen, der menschlichen Natur zuwider. Da bekanntermaßen weder das Leben noch der Mensch fehlerlos ist, stellt jede Form von Kunst Gesellschaftskritik dar. Dabei spielt es keine Rolle, ob dies offensichtlich zu erkennen ist wie beispielsweise bei Heines bissigen Versen oder sich eher indirekt durch die Musik Mozarts äußert. Die Kunst ist also der Spiegel der Wirklichkeit und daher ebenso real wie natürlich. Von uns würde sich schließlich niemand vor einen Spiegel stellen und vehement abstreiten, dass es sich bei der Person, die einem dort entgegenblickt, um einen selbst handelt. Bereits Platon, der große Philosoph der griechischen Antike, betrachtete die Aufgabe der Kunst darin, die Wahrheit widerzuspiegeln. Um seine Überlegungen in der Hinsicht nachvollziehen zu können, bedarf es einer Auseinandersetzung mit des Denkers Theorie der Ideenlehre. Diese stellt den Glauben Platons an eine vorimmanente Existenz eines jeden Dinges in einem ideellen, all diese Dinge umfassenden Zustandes dar. Alles in unserer materiellen Welt existierende, ist daher vom ideellen Sein abgeleitet. Somit liegt beispielsweise einem irdischen Baum die vollkommene Idee eines Baumes, die bereits in der Ideenwelt vorhanden ist, zugrunde. Die allen Menschen innewohnende Seele entstammt, gemäß Platon, diesem Reich der Ideen, wurde daher bereits allen auf der Erde existierenden Dingen zuvor in der Welt der Vollkommenheit ansichtig. Erkenntnis ist also nur das Erinnern der Seele an bereits gesehene Ideen. Die Fähigkeit zur Erkenntnis zu gelangen, ist folglich jedem Menschen gleichermaßen innewohnend und nicht empirisch bedingt, weshalb Erkenntnis bei Platon a priori vonstatten geht. Nichts kann dem Menschen verschlossen bleiben, sobald er die Fähigkeit erlangt hat, sich zu erinnern. Auf die Kunst bezogen, ergibt die Ideenlehre folgende Schlüsse. Die Kunst ist die Beschreibung einer Erscheinung des Seienden, das aus der Wahrheit (also der Idee) entspringt. Für Platon ist Kunst also Nachahmung (Mimesis) der Wirklichkeit, was meiner Bezeichnung "Abbild" in dem Sinne gleichzusetzen ist. Bewertet wird die Kunst bei Platon danach, wie sehr es ihr gelingt, das Wahre wiederzugeben. Wie ich bereits dargelegt habe, bedarf es dafür einer intensiven Auseinandersetzung mit unserer Wirklichkeit, damit das entstehende Kunstwerk auch unserer empirischen Wahrnehmung des Wahren, wie wir es sinnlich zu erkennen in der Lage sind, entspricht.
Des Weiteren dient die Kunst der Verbesserung der Welt und soll das Leben der Menschen bereichern oder zumindest erträglicher gestalten. So sagte bereits Nietzsche (1844-1900), dass Kunst die einzige Möglichkeit darstelle, die Grausamkeit des Lebens zu ertragen und zu überwinden, weshalb Kunst wertvoller als die Wahrheit sei. Nietzsche verbindet mit einem radikalen Anspruch die Kunst dem menschlichen Dasein: Was Kunst bedeutet, worin sie gerechtfertigt ist, wodurch sie sich qualifiziert, das beantwortet das Leben - genauer: das Leben in seiner ursprünglichen und also naturnahen Vitalität. Dabei bedient sich der Philosoph zweier nach griechischen Göttern (Apollon und Dionysos) benannten Begriffen, "apollinisch" und "dionysisch". Hierbei handelt es sich um ein bipolares Begriffspaar, welches die zwei gegensätzlichen Eigenschaften des Menschen und der Natur beschreibt und sich dabei auf die Charakterzüge der erwähnten Götter beruft. Ersteres steht für Form und Ordnung, beziehungsweise auf den Menschen übertragen für Vernunft, Letzteres bedeutet Chaos, Rauschhaftigkeit und Leiden und steht somit für die menschlichen Triebe. Diesen Aspekt der Gegensätzlichkeit untersuchte Nietzsche in der Natur, was ihn zu folgender Erkenntnis bewegte. In der Natur liegt ein Konflikt vor, die Erfahrung eines bereits entzweiten Daseins. Die Schöpfung war einst rein und stellte absolute Vollkommenheit dar, das menschliche Leben hat sich jedoch im Laufe der Zeit von selbiger entfremdet. Aus dieser Abspaltung resultiert die, wie Nietzsche sie nennt, "Urqual", also das Leiden an sich.  Folglich geht er, ganz anders als beispielsweise Rousseau, von einem negativen Naturzustand aus, der einzig Not und Elend mit sich bringt. Um dieser Misere zu entgehen und die Sehnsucht nach dem "Urgrund" zu befriedigen, wird der Mensch, laut Nietzsche, zum Künstler. Mithilfe der Kunst erschafft er eine zweite Wirklichkeit, die Wirklichkeit des Ästhetischen, in welcher die Gegensätze (apollinisch und dionysisch) sowohl nochmals ausdrücklich werden, doch gleichzeitig aufgehoben sind.  Jede Kunstform unterliegt daher einem zutiefst philosophischen Zweck, obwohl sie auch über einen Selbstzweck und damit einhergehenden inneren Wert verfügt. In gewisserweise sind Chuck Norris Filme also ebenso philosophisch wie Schopenhauers Hauptwerk "Die Welt als Wille und Vorstellung" oder die Lyrik Edgar Allan Poes. Die Künst hält den Menschen einen Spiegel vor das Gesicht und regt somit zu einer moralischen Reflexion über sich selbst oder allgemeine gesellschaftliche Missstände sowie der Hinterfragung von Normen und ähnlichen ethischen Werten an. Tugendideale und eine idealistische Weltanschauung werden dabei vermittelt wie beispielsweise in Schillers "Kabale und Liebe" oder "Die Räuber". Die Kunstform, in der dieses Bestreben am deutlichsten heraussticht, ist das Theater, an welchem sich darüber hinaus die eigentliche Bedeutung des vorliegenden Goethe Zitats erklären lässt. Der große Dramatiker Lessing (1729-1781) schrieb in seinen literaturtheoretischen Abhandlungen über die Bedeutung und Funktion des Theaters, dass derartige Werke Furcht beim Zuschauer auslösen müssen, indem sie ihn vor bestimmten Handlungen abschrecken, bei denen das fatale Ergebnis auf der Bühne präsentiert wird. Der Zuschauer soll sehen, was passiert, wenn er selbst sich so verhält wie einige der Figuren in dem Theaterstück. Das Theater regt dementsprechend zum Nachdenken an und verleitet zu moralisch hochwertigerem Verhalten. Der Zuschauer verlässt das Theater, zumindest im Idealfall als besserer Mensch. Diese lehrhafte Funktion der Kunst spiegelt sich sehr gut in Lessings "Emilia Galotti" wider, in welchem der Konflikt zwischen Adel und Bürgertum zum Tod eines begehrten und unschuldigen Mädchens führt und sowohl unglückliche Familienmitglieder als auch einen unglücklichen Liebenden zurücklässt.
Das Theater und dessen einmalige Stellung dient als optimales Beispiel zur Bestätigung Goethes These (gut möglich, dass er dabei auch an selbiges dachte). Der Zuschauer betritt das Theater. Er ist nicht beschäftigt mit Arbeit, er denkt nicht an den Streit mit seiner Freundin, er denkt nicht an seine finanzielle Notlage, er denkt nicht an das, was der nächste Tag bringen könnte. Kurz gesagt vergisst der Zuschauer sein alltägliches Leben sowie all seine Sorgen, Ängste, Probleme und dergleichen für die kommenden Stunden und lässt sich vollständig auf das bevorstehende Erlebnis, den Theaterbesuch, ein. In diesem Sinne weicht er der Welt um sich herum aus und begibt sich in eine Fantasiewelt, die das Abbild des Wirklichen darstellt. Die Kunst bietet daher auch Ablenkung vom meist mit Problemen und inneren sowie äußeren Konflikten überladenen täglichen Leben, sowie Unterhaltung, wobei dieser Aspekt stark von Werk zu Werk variiert (ein Bruce Willis Film dient in erster Linie selbiger, wohingegen sich dies von Goethes "Faust" mitnichten behaupten lässt). Aus diesem Grund wird ihr (unberechtigterweise) oft vorgeworfen, für Realitätsflucht beziehungsweise Realitätsverlust verantwortlich zu sein. Angeblich handle es sich bei dem Nachgehen künstlerischer Aktivitäten sowie des Genusses derselben um Eskapismus, also einer Realitätsflucht zugunsten einer vermeintlich besseren Scheinwirklichkeit. Dass dieser abwertende Begriff in keinster Weise auf die Kunst zutrifft, ging aus der vorherigen Argumentation deutlich hervor. Meines Erachtens nach trifft diese Bezeichnung erst zu, wenn das negative Nomen "Flucht" durch "Erweiterung" ersetzt wird, denn genau dies stellt die Kunst in ihrem Kern dar.  Ihre Welt ist eine parallel existierende die, genau wie Goethes Aussage impliziert, mit unserem wirklichen Leben auf untrennbare Weise verknüpft ist und unsere Realität somit ergänzt und unseren Horizont erweitert. Wenn Shakespeares Dramen mich zu einem besseren Menschen machen, sind diese Auswirkungen in der Wirklichkeit zu beobachten, beispielsweise durch meine Änderung im Verhalten meinen Mitmenschen gegenüber und meiner allgemeinen sozialen Interaktion.
Zudem ist die Kunst dazu in der Lage, Trost zu spenden, einem neue Hoffnung einzuatmen oder auf eine andere Weise motivierend zu wirken. Durch die Kraft, die einem dadurch neu einverleibt wird, ist man gewillt, Probleme, die einen im "echten" Leben belasten, anzugehen, anders zu bewerten und ihnen die Stirn zu bieten, zumal einige Kunstwerke diesbezüglich gar eine konkrete Anleitung im Sinne von bewährten Handlungsvorschriften liefern. Gut zu beobachten ist dies beispielsweise in Rowlings weltberühmter "Harry Potter" Reihe, in der die überaus wichtige Botschaft vermittelt wird, dass mit Liebe, Freundschaft, Zusammenhalt und Solidarität allen bösen Mächten getrotzt und sämtliche Probleme gelöst werden können. Die Kunst geleitet uns also in eine andere Welt, aus der sie uns jedoch im Anschluss belehrt, in moralischer Hinsicht gereift und in jedweden Bereichen gestärkt in unsere Wirklichkeit zurückbringt. Wie dies beim Subjekt vonstatten geht, ist individuell. Für manch einen verfügen seine Alltagsprobleme in der Welt der Kunst über keinerlei Relevanz, ein anderer wird eben in jener mit jenen konfrontiert und erkennt sich selbst und seine eigenen Probleme beispielsweise im Verhalten der Charaktere eines Kinofilms wieder. Das Ergebnis ist jedoch dasselbe.  Die Kunst lehrt uns, wie mit schwierigen Situationen umzugehen ist, sie bietet uns darüber hinaus Zuflucht und ein geborgenes Zuhause, in dem wir jederzeit willkommen sind und wirkt absolut lebensbereichernd. Sie ist ein Teil unseres Lebens und folglich auch unserer Wirklichkeit, der Zugang, der es uns ermöglicht, bis in die tiefsten Abgründe des menschlichen Daseins zu blicken und die schönsten Entfaltungen des Seins zu erkunden, die uns ansonsten verwehrt blieben.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass dem Dichterfürsten uneingeschränkt zuzustimmen ist. In vielerlei Hinsicht ist die Kunst von unschätzbarem Wert und ihre Bedeutung für den Menschen nicht hoch genug einzuschätzen. Die Verbindung zweier Welten zu beidseitigem Nutzen geht nirgends harmonischer vonstatten als bei der Kunst und unserem Leben. Beides ist ein Teil voneinander, ja, gar ein Teil des Seins an sich, von etwas derart bedeutendem, dass Worte es nicht auszudrücken vermögen. Die Kunst und die Wirklichkeit bedürfen einander. Während erstgenannte nur durch Letztere entstehen kann, da sie nur empirisch zustande kommt, profitiert Letztere in unbeschreiblicher Weise von dem Resultat. Kunst ist folglich mehr als bloße Unterhaltung, Genuss oder angebliche Realitätsflucht. Goethe hat erkannt, dass sie ein Abbild unseres Lebens und unserer Selbst darstellt und sowohl Ablenkung von der Realität als auch eine umso stärkere Wiederverbindung mit derselben bietet.  Der Künstler steht somit fest im Leben, die Kunst verbessert unsere Welt. Sie ist eine unvergleichbare und damit einmalige Ausdrucksform des Menschen. Jeder Mensch existiert in einer subjektiven Wirklichkeit, die sich zum einen durch äußere Einflüsse wie das Umfeld, die politischen Verhältnisse und die Mitmenschen und zum anderen durch unsere ganz individuellen Träume, Wünsche, Hoffnungen, Ideale, Ängste, Ansichten, Sorgen und dergleichen zusammensetzt. Die Summe all dieser Faktoren ergibt die Welt, in der das Individuum sich befindet, seine ganz individuelle und daher subjektive Erfahrung, das Leben wahrzunehmen. Diese Welt spiegelt sich in der Kunst wider, die er produziert oder genießt. Die Kunst ist somit die höchste Philosophie, da sie in jeder Form und zu jeder Zeit absolut authentisch ist. Hegel (1770-1831) vertritt die gleiche Meinung, indem er behauptet, der Mensch müsse, um ein Kunstwerk zu schaffen, ein denkendes Wesen sein. Er müsse darüber hinaus in der Lage sein, über sich und alles andere zu reflektieren und dann diese Reflexionen im Kunstwerk festhalten. Darin liege auch das Bedürfnis, das der Mensch durch die Schaffung eines Kunstwerkes befriedigt. All diese Eigenschaften des kritischen und reflektierenden Denkens sind dem besten aller Philosophen zu eigen, woraus sich schließen lässt, dass die Kunst die höchste Disziplin der Philosophie darstellt und der Künstler zugleich der größte aller Philosophen ist. Die Kunst liefert stets tiefe Einblicke in das Seelenleben eines Individuums und ist direkter und ungefilteter Ausdruck dieser Empfindungen. Da menschliche Empfindungen zwangsläufig in ihrem innersten Kern echt sind, ist unauthentische Kunst unmöglich. In Wahrheit ist Kunst die höchste Form des irdischen Glückes und der Pfad zur Weisheit, eben die perfekte Verschmelzung zweier Welten, in der sich der Mensch nach Belieben bewegen und verknüpfen kann. Der Mensch ist von Natur aus ein Künstler und die Kunst ist seine größte Errungenschaft, da sie im Gegensatz zu den sich widersprechenden und schnell überholten Wissenschaften von allgemeiner und ewiger Gültigkeit ist!

Michael Lutz


"Goethe meint, dass..." - Über die Sinnhaftigkeit des Interpretierens


In der glorreichen Geschichte der Bildungseinrichtung genannt Schule wurde wohl noch nie ein Schüler davon verschont und auch in Zukunft wird sich daran nichts ändern. Alle müssen da durch, Aufsätze darüber schreiben, jeden einzelnen Satz auf mühsame Art sezieren, Wörter bis zum Maximum auseinandernehmen und diese hochtheoretischen Überlegungen zu allem Überdruss auch noch in einem kohärenten Text zusammenfassen. Die Rede ist vom Interpretieren!
Selbstverständlich bezieht sich das Interpretieren nicht nur auf die Schule, Literatur-und Kunstwissenschaftler interpretieren entsprechende Werke hauptberuflich! Genauso wenig lässt sich diese Art des Umgangs mit künstlerischen Werken auf ein Fach reduzieren. Das Interpretieren zieht sich fächerübergreifend wie ein roter Faden durch die gesamte Schullaufbahn. In Deutsch wird Goethe interpretiert, in Englisch Shakespeare, in der bildenden Kunst Caravaggio. In Anbetracht dieser enormen Masse ist es durchaus verständlich, dass es dem ein oder anderen Schüler mit der Zeit zuwider ist, jedes Mal aufs Neue jeden Satz auf die Goldwaage zu legen, jedes noch so kleine Detail der Karikatur in Betracht zu ziehen. Wer Jahre lang mit Schiller, Goethe oder Lessing gequält wird, verliert schnell das Interesse an Literatur im Allgemeinen oder fühlt sich von dem Schulunterricht derart abgeschreckt, dass er wohl in Zukunft nie wieder freiwillig zu einem Buche greifen wird. Die Frage, die sich hierbei stellt, ist, ob dies das alles überhaupt wert ist. Ist es wirklich ratsam, Schüler immer und immer wieder literarische Texte, um bei diesem Beispiel zu bleiben, interpretieren zu lassen und ihnen somit in gewisser Weise die Freude am Werk zu nehmen? Wie sinnvoll ist das Interpretieren? Dies ist die Fragestellung, die diesem Essay zugrunde liegt und welche ich in den folgenden Absätzen subjektiv zu beantworten gedenke.

Eine Interpretation beansprucht in vielen Fällen den Status der alleinigen Gültigkeit für sich. Besonders im Schulunterricht ist dieses Phänomen häufig anzutreffen. Oftmals heißt es, dass es nur diese eine Möglichkeit gebe, das Werk zu interpretieren, was im Umkehrschluss bedeutet, dass nur diese eine Möglichkeit der Wahrheit entspricht, richtig und gültig ist und somit alle anderen Theorien zu vernachlässigen sind. Um festzustellen, dass hierbei jedoch ein großer Irrglaube vorliegt, genügt ein Blick in den Duden. Die dort gelieferte Definition des Begriffs "Interpretation" lautet nämlich folgendermaßen:
"a. einen Text, ein literarisches Werk, eine Aussage o. Ä. inhaltlich erklären, erläutern, deuten
 b. etwas als etwas verstehen, auffassen; jemandes Verhalten, Äußerungen o. Ä. in bestimmter Weise deuten, auslegen"

Insbesondere die zweite Defintion gibt Aufschluss über die eigentliche Bedeutung des Begriffs. Die Betonung liegt hierbei auf "auffassen" und "in bestimmter Weise deuten, auslegen".
Impliziert wird hierbei, dass Interpretation subjektiv ist. Das Verb "auslegen" stellt hierfür ein Synonym dar, denn was ausgelegt werden kann, ist unmöglich festgelegt, alles was nicht exakt festgelegt ist, lässt Spielraum für Kreativität und das persönliche Empfinden. Allein aus diesem Grund ist das Verständnis vieler Wissenschaftler oder Lehrer, wonach stets nur eine einzige Möglichkeit der Interpretation einer Szene oder eines Gesamtwerkes besteht, vollkommen irrational.
An dieser Stelle lässt sich sehr gut Bezug zu einem unter verbitterten, genervten Schülern weit verbreiteten Argument nehmen, welches in etwa so lautet: Wir können doch gar nicht wissen, was der Autor mit diesem Satz/Dialog/Roman etc. sagen will, da wir ihn nicht fragen können (vielleicht weil er schon seit Jahrhunderten nicht mehr unter den Lebenden weilt). Wozu also das Interpretieren, wenn uns die Wahrheit ohnehin niemals offenbaren wird.
Bedienen wir uns zur Veranschaulichung dieser These eines berühmten Beispiels: Im 5. Kapitel des Werkes "Faust: Der Tragödie Erster Teil" von Johann Wolfgang von Goethe, sagt Faust: "Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust"
Zweifellos handelt es sich hierbei um eine Äußerung, die sich auf verschiedene Arten interpretieren lässt. Dabei dürfen wir jedoch nicht vergessen, dass dieses Zitat erst einmal für sich steht. Goethe liefert keinen Kommentar dazu, fragen können wir ihn auch nicht, dementsprechend haben wir für all unsere Interpretationsansätze keinerlei "Wahrheitsgarantie" in dem Sinne, dass Goethe auch genau dies damit gemeint hat.
Womöglich bezieht er sich hierbei auf die "Bürger-Zweier-Welten-Theorie" Immanuel Kants, die besagt, dass der Mensch ständig zwischen zwei Welten hin-und hergerissen ist, der Welt der Sinne, der Leidenschaften und Trieben und der Welt des Verstandes, der Urteilskraft und der Vernunft, womit Faust seine Dualität und innere Zerrissenheit zum Ausdruck bringen möchte.
Ebenfalls möglich, wenngleich bei einem derart großen Dichter wie Goethe zugegebenermaßen recht unwahrscheinlich, wollte er mit dieser Textstelle eigentlich gar nichts besonders tiefgründiges sagen, sondern einfach nur irgendwie intellektuell wirken. Wir wissen nicht, welche Absichten er tatsächlich verfolgte. Den Schülern ist in dieser Hinsicht definitiv zuzustimmen! Doch so einfach dürfen wir es uns nicht machen, denn bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass auch dieser Beschwerde seitens der Schüler ein Denkfehler zugrunde liegt, ebenso wie auch so manchem Lehrer.
Die Problematik ist, dass angenommen wird, der Autor und sein Werk sind eins, untrennbar miteinander verbunden. Hieraus ergibt sich die Maxime, dass nur das gilt, was der Autor auch wirklich meint, da er, als geistiger Urheber seines Werkes, als einziger dazu in der Lage ist, die einzig gültige Antwort zu liefern. Doch wie bereits dargelegt, können wir absolut niemals mit absoluter Sicherheit behaupten, dass der Autor dies oder jenes damit meint. Überhaupt zu interpretieren wäre somit vollkommen sinnlos, da nur die Ansicht der Person von Gültigkeit ist, über deren wahre Absichten wir nichts wissen.
In Wahrheit sind Autor und Werk allerdings nicht eins, sondern vielmehr getrennt voneinander zu betrachten. Ich gehe gar noch einen Schritt weiter, indem ich behaupte, dass wir den Autor bei der Analyse gänzlich außen vor lassen sollten. Sobald ein Werk fertig und veröffentlicht ist, hat der eigentliche Schöpfer nichts mehr damit zu tun. Sobald die Arbeit beendet ist, löst sich das Werk von ihm, um selbstständig seinen Weg zu gehen. An dieser Stelle offenbart sich die Wahrheit: Niemand kann irgendjemandem vorschreiben, wie ein Werk zu sein hat oder wie es zu verstehen ist, nicht einmal der Autor selbst. Kunst ist immer subjektiv! Der Leser sieht in dem Werk das, was er zwecks seiner persönlichen Ansichten, Erfahrungen, Neigungen, etc, gerne sehen möchte. In einem künstlerischen Werk spiegelt sich nicht der Autor wider, sondern der Betrachter, sprich der Leser selbst. Die Annahme, nur das, was der Autor meint, sei richtig, ist somit widerlegt. Es zählt das, was jeder einzelne Leser vollkommen individuell und für sich subjektiv sieht! Natürlich hat sich der Autor bei bestimmten Textstellen etwas bestimmtes gedacht oder wollte etwas bestimmtes ausdrücken, doch was interessiert mich das als Leser? Das Werk steht für sich selbst und ist von allen losgelöst. Es funktioniert unabhängig, es ist einfach nur! Dies ist ebenfalls der Grund, warum es vollkommener Schwachsinn ist, nur eine einzige Möglichkeit der Interpretation zuzulassen, denn, wir erinnern uns an die offizielle Definition des Begriffs, es ist eine Frage, wie ich es persönlich auslege. Deutung ist stets subjektiv, demgemäß haben wir alle eine andere Interpretation eines Werkes.
Daher läuft es meinem Kunstverständnis zuwider, wenn von angeblich "falschen" oder "richtigen" Interpretationen die Rede ist! Ebenfalls verachte ich die Aussage: "Hiermit möchte der Autor ausdrücken, dass..."
Ich wiederhole mich nur, wenn ich sage, dass der Autor über keinerlei Relevanz verfügt und wir seine genauen Absichten nicht kennen! Wesentlich angebrachter wäre, meines Erachtens, die Aussage: "Ich verstehe darunter" oder "für mich bedeutet dies, dass..."
Interpretation an sich ist folglich überaus sinnvoll, doch nur, wenn sie auch richtig angegangen wird und nicht durch vollkommen falsche Vorstellungen zunichte gemacht wird, was leider im Unterricht oftmals an der Tagesordnung steht. Mehr Toleranz und Offenheit auch für ungewöhnliche Interpretationsansätze ist hierfür erforderlich, denn Warhnemung ist immer subjektiv und individuell und kann nicht vorgeschrieben werden, auch nicht von Autoritätspersonen wie Lehrern oder Literaturwissenschaftlern. Im Übrigen hat mich eine negative Erfahrung in der Schule überhaupt dazu veranlasst, den vorliegenden Essay zu verfassen. Ein gut begründeter Interpretationsansatz meinerseits, wurde von der Lehrperson als "falsch" eingestuft, da sie eine andere Meinung vertrat. In meinen Augen darf dies nicht passieren, denn gerade in diesem freien Entfalten der Kreativität und der damit einhergehenden Individualität liegt der große Reiz, den die Kunst auf den Betrachter ausübt. In den exakten Wissenschaften wie der Mathematik existiert keine Möglichkeit der freien Auslegung. Hier liegen nur Fakten und Tatsachen vor, die sich stets gleich verhalten, unveränderlich sind und auch unabhängig von meiner selbst existent sind.  Das Interpretieren stellt keine solch exakte Wissenschaft dar, auch wenn selbige oftmals derartig behandelt wird, wie bereits ausführlich dargelegt wurde. Wer derart festgefahrene Ansichten hat, keine von seinen Vorstellungen oder meinetwegen von der akzeptierten Norm abweichende Interpretationsansätze gelten lässt, beraubt der Literatur ihrer größten Stärke und der Einmaligkeit, die ihr im Vergleich zu den Wissenschaften zukommt: Die Freiheit der subjektiven Wahrnehmung! Ist es wirklich im Sinne der Kunst, im Schulunterricht eine regelrechte "Kunst-Verdrossenheit" herbeizuführen, indem überinterpretiert wird und das auch noch unter vollkommen falschen Voraussetzungen? Sollten wir nicht eher darauf setzen, den Schülern die großartige Welt der Literatur näherzubringen, indem wir sie von der Leine lassen, sich frei austoben lassen und die Kunst einfach Kunst sein lassen?
In erster Linie dient jede Form der Kunst und somit auch die Literatur dem Genuss, der Freude, dem Betrachter eine Möglichkeit zu bieten, seinem tristen Alltag zu entfliehen und sein Leben somit zu bereichern und erträglicher zu gestalten. Genuss kommt in den meisten Fällen jedoch nur zustande, wenn man dazu ermächtigt wird, das Denken für eine gewisse Zeit lang abzustellen, sich wahrlich zurücklehnen zu können und sich unterhalten zu lassen. Interpretieren ist hierfür sicherlich nicht besonders förderlich, wenngleich Ausnahmen durchaus vorhanden sein mögen. Optimaler Genuss von großartiger Literatur ist jedoch zumeist erst gegeben, wenn man sich mit Interpretationen nicht befassen muss, sondern sich stattdessen an der sprachlichen Genialität der großen Dichter erfreut, sich von der spannenden Handlung mitreißen lässt, sich in Charaktere verliebt und mit ihnen mitfiebert, etc. Erst dann steht die Kunst wahrhaftig für sich und ist in der erhabenen Position, die sie verdient, die Position, in der sie zum Objekt für Bewunderung wird. Bei der Interpretation wird dagegen der Autor bewundert, da seine Genialität hervorgehoben wird, da er in der Lage ist, derartig viele Interpretationsansätze beim Leser zu hervorzurufen. Der Tatsache, dass Autor und Werk jedoch voneinander getrennt sind, wird in diesem Falle nicht nachgekommen. Man respektiert diesen Sachverhalt erst, wenn man das Kunstwerk an sich bewundert, indem man es schätzt und genießt.
So weit zu den künstlerischen Idealen. Aus den obigen Erläuterungen ergibt sich jedoch eine weitere Schwierigkeit. Wenn das Interpretieren derart subjektiv ist, wäre dann beispielsweise der Deutsch-Unterricht nicht völlig umsonst? Müsste nicht jeder Schüler mit der bestmöglichen Note bewertet werden, wenn er nur beschreibt, wie das Werk auf ihn persönlich wirkt und an dieser Wahrnehmung eben nicht zu rütteln ist? Kann man sich das ganze Interpretieren in der Schule nicht gänzlich sparen, wenn es so etwas wie richtig und falsch ohnehin nicht gibt und im Prinzip doch jeder Recht hat, so wie er meint?
Auch dies wäre grob vereinfacht und würde den realen Gegebenheiten nicht mehr entsprechen. Es gibt nämlich durchaus gute und schlechte Interpretationsansätze! Dies steht keineswegs im Widerspruch zu meiner bisherigen Argumentation, sondern stellt vielmehr eine Ergänzung zu derselben dar. Wir sollten uns, meiner Meinung nach, davon entfernen, Interpretationen auf inhaltlicher Ebene zu bewerten, sondern stattdessen die Vorgehensweise des Schülers in Betracht ziehen. Aus oben ausführlich dargelegten Gründen ist eine "falsche" Interpretation auf inhaltlicher Ebene nicht möglich, da hierbei die Subjektivität der Wahrnehmung vorliegt. Doch wann ist eine Interpretation als schlecht einzustufen? Beispielsweise, wenn spekuliert wird! Spekulationen sind daran zu erkennen, dass Erklärungen an den Haaren herbeigezogen werden und die eigentliche Textarbeit vernachlässigt wird. Denn, um in den Text überhaupt etwas hineindeuten zu können, muss sich zunächst mit selbigem intensiv auseinandergesetzt werden. Wenn dies offensichtlich nicht der Fall ist, fehlen den Deutungen die Grundlagen, ohne welche sie über keinerlei Substanz verfügen und dementsprechend auch nicht überzeugen können. Wer jedoch nachvollziehbar und textorientiert argumentiert und erläutert, der verdient eine gute Note, völlig gleich wie gewöhnungsbedürftig seine Interpretation auf der inhaltlichen Ebene auch erscheinen mag, denn da diese auf der subjektiven Ebene anzusiedeln ist, sollte sie bei der Bewertung nicht berücksichtigt werden. Der Fokus sollte mehr auf der Sprache liegen, auf der Herangehensweise, der Arbeitsweise, wie der Schüler seine Wahrnehmung zu verbalisieren versucht und nicht, was er sagt. Hierbei liegt nämlich der eigentliche Verdienst wissenschaftlichen Arbeitens. Die entsprechenden Möglichkeiten der sprachlichen Gestaltung, sowie der dafür benötigten Operatoren, sollten im Unterricht vermittelt werden und weniger die Fokussierung auf eine fixe Idee der Interpretation. Den Schülern müssen die Werkzeuge an die Hand gegeben werden, was sie damit anfangen, sollte jedem selbst überlassen werden.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das Interpretieren von literarischen Werken durchaus seine Berechtigung hat, damit jedoch nicht übertrieben werden sollte. Allein aufgrund der daraus resultierenden, dringend benötigten Erkenntisse für die Literaturwissenschaft, ist ein Verzicht auf die Interpretation nicht gänzlich möglich und auch nicht erstrebenswert. So lange effiziente Textarbeit jedoch gegeben ist, muss alles anerkannt werden. Es darf nichts bejaht und dementsprechend als einzig gültige Wahrheit anerkannt, noch etwas gänzlich ausgeschlossen werden. Eine Trennung von Autor und dessen Intentionen und allein für sich stehenden Werk, ist unbedingt vonnöten, da nur auf diese Art die zahlreichen Missverständnisse in Bezug auf die Interpretation beseitigt werden können. Anstatt penibel darauf zu achten, dass Schüler das Werk auch "richtig" interpretieren, wobei "richtig" ein Begriff ist, der einzig von der entsprechenden Autoriätsperson definiert und somit eindeutig festgelegt werden kann und folglich von deren Willkür abhängig ist, sollte insbesondere in Schulen die Freude an der Kunst wieder mehr vermittelt werden und den Genuss derselben zu fördern, indem den Schülern beispielsweise eine kreative Verarbeitung des Stoffs, ihren eigenen Vorstellungen gemäß ermöglicht wird, wobei sie nicht auf eine einzige Interpretationsmöglichkeit festgelegt werden dürfen. Jemand, der selber Autor ist, weiß, dass manche seiner Sätze, bei denen er sich nicht viel tiefgründiges gedacht hat, auf die Goldwaage gelegt werden, wohingegen jene, die ihm tatsächlich einiges an Kreativität abverlangt haben, keinerlei Beachtung finden. Auch dies spricht dafür, wie subjektiv und unabhängig die Kunst in Wahrheit ist. Die Aufgabe eines Autors ist es, seine Aussage zwar indirekt aber dennoch deutlich und unmissverständlich zum Ausdruck zu bringen, wenn er will, dass sie auch genauso verstanden wird, wie er es intendierte. Die Realität zeigt, dass dies ein beinahe unmögliches Unterfangen darstellt, welches, wenn überhaupt nur den allerbesten Autoren gelingt. Und selbst dann sieht in dem Werk immer noch jeder das, was er gerne sehen möchte, denn Hinweise und ähnliches dürfen schließlich auch getrost ignoriert werden. Warum wird in unseren Schulen nicht einfach ein anderes Kunstverständnis vermittelt? Weg von mathematisch fixen Formen und Prinzipien, hin zur kreativen, künstlerischen Freiheit, womit ebenfalls ein differenziertes Verständnis von wissenschaftlichem Arbeiten, sowie Interpretationen einhergeht. Nehmen wir der Literatur nicht ihren Reiz, lasst uns neue Ordnungen begründen!

Michael Lutz